Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Gibt es das typisch Weibliche? In dieser neuen Rubrik möchten wir uns mit dem „Frausein” in verschiedenen Facetten beschäftigen. Wir schreiben über Themen wie Frauengesundheit, Körperlichkeit, Sexualität, aber auch über Diskriminierung, feministische Gedanken und gesellschaftliche Strukturen. Wir möchten damit Frauen stärken und Gleichberechtigung weiter ins Bewusstsein von uns allen rücken.
3. Warum sind Körperhaare anstössig und eklig?
Wir alle rasieren uns oder zupfen fleißig: die Beine, die Achseln, Kinn und Oberlippe, Augenbrauen, Intimregion, manche auch das ganze Gesicht, Oberarme, Bauch, Rücken, Zehen oder Hände … Jede Menge Zeit und Geld investieren wir in die rasierende Tätigkeit. Habt ihr euch mal gefragt warum?
Der enthaarte weibliche Körper entspricht seit ungefähr 100 Jahren unserem Schönheitsideal hier in Mitteleuropa. Auf dem Kopf gelten Haare als schön, erwünscht und erwartet, an jeder anderen Körperregion gilt Behaarung jedoch als „ungepflegt“, „unhygienisch“ oder gar tabu. Behaarung in seiner natürlichen, „unkontrollierten“, wilden Form verursacht sogar Emotionen wie Ekel, Bestürzung, Empörung und noch mehr, wie das Beispiel der schwedischen Künstlerin, Model und Fotografin Arvida Byström zeigt. Sie posierte 2017 mit unrasierten Beinen für die Adidas-Superstar-Kampagne und löste damit einen Shitstorm aus, der von Kritik, Beschimpfungen, Beleidigungen und Mobbing bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen reichte.
Dies zu hören und zu lesen bestürzt mich persönlich wirklich.
Was ist denn nur unser Problem mit den Haaren, warum sind (weibliche) Haare so anstößig, sogar eklig? Warum kann ein behaartes Frauenbein sogar Gewalt auslösen?
Die Begründung bezüglich der Hygiene lässt sich nicht halten. Körperbehaarung ist keineswegs per se unhygienisch, wie Hautärzt:innen betonen. Körperhaare haben im Gegenteil ursprünglich eine Schutzfunktion vor Bakterien und Parasiten. Tatsächlich sind Haare im Intimbereich und in der Achsel besonders wichtig, weil die Haut dort besonders dünn und sensibel ist.
Die Historikerin Roberta Spano erklärt die gesellschaftliche Ebene: „Körperhaare definieren heute wie gestern, was als normal gilt, was gesund ist – und Körperhaare definieren Geschlechtlichkeit. Körperhaar erlaubt es in unserer Gesellschaft zu sagen, welche Körper weiblich und welche männlich sind. So wird ein binäres, patriarchales Ordnungssystem aufrechterhalten.”
Zudem wird das Enthaaren des Körpers im Rahmen der kulturellen Schönheitsideale mit Jugendlichkeit in Verbindung gebracht: Der haarlose Körper wird direkt mit dem jungen Körper assoziiert.
Wie gehen wir Frauen also im Alltag damit um? Ich selbst hätte auch nicht den Mut, meine Beine komplett unrasiert zu lassen. Das gebe ich ehrlich zu. Ich möchte mich aber nicht mehr selber unter Druck setzen, wenn ich mit Beinstoppeln zum Sport oder zur Ärzt:in gehe, weil ich einfach keine Zeit hatte zu rasieren. Ich entscheide mich dann klar und deutlich: Ja, dann ist es so.
Wichtig ist es, sich dem Diktat von Schönheitsidealen bewusst zu werden und eine klare, persönliche Entscheidung zu treffen. Nicht einfach mit dem Mainstream mitlaufen oder mich beispielsweise in Punkto Intimrasur nach meinem/r Partner:in zu richten, sondern bewusst entscheiden, wie ich mich als individuelle Frau für mich entscheide.
Ein Beitrag von Uta Börger.
Tipp:
Podcast: Epiliert, gewaxt, gezupft:
Warum müssen Körperhaare weg?
29 Min., Schwyzerdütsch, hier anhören